
Liebe Menschen,
schön, dass wir heute hier sind.
Hier – in N./O., wo irgendwie jede*r jede*n kennt. Und genau deshalb ist es wichtig, dass es diesen CSD gibt. Denn queere Menschen sind kein fremder Teil der Gesellschaft, sondern Teil davon, als Nachbarinnen, Geschwister, Vereinsmitglieder, Kolleginnen, Menschen in der Kirche, im Dorf, in der Familie.
Wir sprechen heute als Teil vom Bündnis “Dorfliebe für Alle” zu euch, das sich für Demokratie und gegen Diskriminierung einsetzt. Wir sind Menschen, die den SOK als ihre Heimat bezeichnen, weil wir hier groß geworden sind oder jetzt hier leben und arbeiten. Wir wollen, dass sich alle Menschen hier sicher und wohl fühlen.
Wir demonstrieren heute auf dem CSD, doch wie ist er eigentlich entstanden?
Das Stonewall Inn in der Christopher Street in New York war 1969 ein neues schwulenfreundliches Lokal, das sich jedoch dank der günstigen Eintrittspreise und des Tanzens zu einem wichtigen Treffpunkt im Village entwickelt hatte. Polizeirazzien waren an der Tagesordnung. So auch am 28. Juni 1969. Doch in dieser Nacht widersetzten sich erstmals die Gäste der Polizei. Die Aufstände wurden vor allem von queeren Black, Indigenous und People of Colour angeführt, die sich gegen die Diskriminierung und Polizeigewalt wehrten.
Gerade jetzt werden unter der Trump-Regierung vermehrt Trans*Personen Rechte und Schutz entzogen. Gruppen, die einen aktiven Einsatz für Trans*rechte verfolgen, werden im neuen Strategiepapier als potenziell gewalttätige politische Extremist*innen eingestuft.
Wir stehen heute hier, weil wir von einer Gesellschaft in der alle frei und sicher leben können noch weit entfernt sind. So sind auch im deutschen Selbstbestimmungsgesetz weiterhin transfeindliche und rassistische Narrative enthalten. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit und Geflüchtete sind nicht gleichgestellt. Es sind weiterhin Passagen enthalten, die Trans*Personen unter Generalverdacht stellen, das Gesetz zu missbrauchen.
Gerade in Zeiten rechter Hetze, die auch dazu führt, dass die Ablehnung gegenüber qeeren Menschen wieder zunimmt, wollen wir heute gemeinsam unsere Vielfalt feiern, aber vor allem auch daran erinnern, dass der CSD auch immer ein Kampf für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung ist. Wir können uns bei diesem Kampf nicht auf parlamentarische Mehrheiten oder den Schutz des Staates verlassen.
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In der Gesellschaft hier hat Gemeinschaft einen hohen Wert. Menschen achten aufeinander. Nachbarschaft bedeutet oft echte Unterstützung. Gerade deshalb tut Ausgrenzung oft besonders weh — weil Gemeinschaft eigentlich etwas sein sollte, das trägt und schützt.
Aber genau darin liegt auch eine große Chance: Wo Menschen sich kennen, können Vorurteile nicht so leicht bestehen bleiben. Wenn queere Menschen sichtbar sind, im Sportverein, bei der Feuerwehr, im Freundeskreis oder in der Familie, dann wird klar: Queerness ist nichts Fremdes. Es sind Menschen, die schon immer Teil dieser Gemeinschaft waren. Und viele Menschen auf dem Land zeigen längst, dass Offenheit und Zusammenhalt zusammengehören. Es gibt Eltern, Freundinnen, Vereine und Nachbarinnen, die Haltung zeigen, unterstützen und Räume schaffen.
Darauf können wir aufbauen. Und trotzdem erleben viele queere Menschen gerade auf dem Land etwas anderes: Unsichtbarkeit. Angst. Anpassungsdruck. Die Frage, ob man ehrlich man selbst sein kann – oder ob man lieber still bleibt, um dazuzugehören.
Viele kennen diesen Moment: Ein „Witz“, bei dem plötzlich alle lachen und man selbst leise wird. Ein Gespräch, in dem man lieber nichts sagt. Das Gefühl, beobachtet zu werden, weil Anderssein schnell zum Gesprächsthema wird. Gerade in ländlichen Regionen kann das unglaublich isolierend sein. Doch wir sehen gerade auch gesellschaftlich, wie Druck wieder wächst.
CSDs werden angegriffen. Queere Menschen werden beleidigt, bedroht und körperlich angegriffen. Unter dem Deckmantel von „Kinderschutz“ werden Rechte eingeschränkt und Menschen zum Feindbild gemacht. Und all das passiert nicht zufällig. Es hängt mit einer patriarchalen Denkweise zusammen, die vorgibt, was „normal“ ist: Wer stark sein soll. Wer lieben darf. Wie Männer, Frauen und Familien zu sein haben.
Und wer davon abweicht, wird abgewertet. Diese Denkweise trifft nicht nur queere Menschen. Sie trifft auch Frauen, migrantisierte Menschen, alle, die nicht ins Bild des „Normal-Seins“ passen. Die Folgen zeigen sich in Sexismus, Homophobie, Rassismus, in Gewalt und in dem Anspruch, dass einige wenige bestimmen wollen, wie andere zu leben haben.
Darum gehören diese Kämpfe zusammen. Der Kampf für Selbstbestimmung ist immer ein gemeinsamer Kampf. Und Veränderung entsteht genau dann, wenn Menschen aufhören zu sagen: „Das betrifft mich nicht.“
Denn gesellschaftlicher Wandel beginnt nicht in Parlamenten. Er beginnt im Alltag. Er beginnt dort, wo Menschen widersprechen. Wo jemand nicht über einen verletzenden Spruch hinwegsieht. Wo jemand den Mut hat zu erklären, zu diskutieren, Haltung zu zeigen — auch wenn es unbequem wird.
Die Frage ist nicht nur: „Wie tolerant bin ich?“ Die Frage ist: Wie begegne ich anderen Menschen? Wie mutig bin ich, wenn jemand ausgegrenzt wird? Bin ich bereit, laut zu sein, wenn andere leise gemacht werden? Denn Respekt bedeutet mehr als bloße Duldung. Respekt bedeutet, Menschen selbstverständlich mitzudenken. Und genau das brauchen wir — besonders auf dem Land.
Wir brauchen verlässliche Strukturen. Menschen, die füreinander einstehen. Sichtbarkeit. Aufklärung. Räume, in denen junge queere Menschen merken: „Ich bin nicht allein.“ Wir brauchen eine Gesellschaft, in der ein Coming-out nicht bedeutet, Beziehungen zu verlieren. Sondern eine Gesellschaft, in der Queerness kein Problem ist, sondern Normalität.
Und dafür braucht es uns alle. Im Sportverein. In der Familie. In der Schule. Im Dorfchat. Am Stammtisch. Überall dort, wo entschieden wird, ob Menschen sich sicher fühlen oder nicht. Denn Gleichberechtigung macht nicht an Stadtgrenzen halt! Der SOK ist bunt und laut und politisch!
Wir brechen patriarchale Strukturen auf und denken unsere Kämpfe zusammen – so kann Veränderung geschehen. Denn Queere Kämpfe sind feministische Kämpfe, sind unser aller Kämpfe!! Und zwar nicht nur heute, sondern jeden Tag!
Wir sind viele, wir sind bunt, wir sind feministisch und wir sind queer, wir sind der ländliche Raum!
